Die Burgenstraße – mit dem Motorrad von Mannheim nach Prag, Tag 3

Was war das bloß für eine Schnapsidee. Heute ist der dritte Oktober (also ein Feiertag), es ist acht Uhr am Morgen (also noch mitten in der Nacht), das Frühstück ist vorbei, wir sind abreisefertig und tanken gerade unsere Fahrzeuge auf. Das Wetter ist unangenehm kalt und feucht, und der Himmel verspricht keine Besserung. Das Schlimme daran ist, dass wir das alles freiwillig machen.

Neben uns steht ein XK150 an der Zapfsäule und schickt seine ungereinigten Abgase in die Gegend. Eines muss man lassen: Das ist ein wirklich schönes Fahrzeug, da kann man sogar den fehlenden Katalysator verzeihen. Wieso ich darauf abhebe? Fahren Sie mal mit einem Motorrad hinter einem solchen Auto her. Es wird einem in kürzester Zeit so schlecht, dass man entweder überholt (auch wenn es eigentlich verboten ist), oder an der nächsten Gelegenheit rechts ranfährt und erst einmal frische Luft schnappt. Durch die Katalysatoren ist man den Geruch verbrannten Benzins einfach nicht mehr gewöhnt.

Wir fahren vom Hotel den Weg entlang nach Bamberg, den wir am Tag zuvor durch die Taxifahrerin gezeigt bekommen haben. Kurz hinter Hirschaid müssen wir an einem Stopschild rechts abbiegen.

Fünf Minuten später geht es dann Richtung Bamberg weiter. Allerdings streifen wir die Stadt nur, wir haben gestern genug gesehen.

Die nächsten 30 Kilometer hinter Bamberg fahren wir auf einer gut ausgebauten, leeren, angenehmen Bundesstraße durch das schöne Frankenland (wobei ich nicht weiß, wo hier Franken aufhört und Thüringen beginnt), wir genießen die Landschaft, die Rehe auf den Wiesen, die Weihen, Bussarde und Sperber und natürlich die Kurven, die wie gemacht sind für’s gemütliche Cruisen.

In Kaltenbrunn aber haben wir genug davon und biegen auf eine Staatsstraße ab, die uns über idyllische Waldpassagen, vorbei an Einzelgehöften, versteckten Höhlen, lauschigen Auen und dunklen Wälder über Seßlach (dessen Innenstadt tagsüber durch ein altes, großes Stadttor gesperrt ist, es fehlt eigentlich nur der Wächter, der Zoll für die Umfahrung verlangt) nach Bad Colberg-Heldburg (das schon in Thüringen liegt) bringt.

Schon die Straßennamen klingen verheißungsvoll: Wallgasse, Untere Vorstadt, Salzmarkt, Ledergasse. Das hat mich bei der Vorbereitung auf ein schönes, enges, mittelalterliches Städtchen vorbereitet. Und wirklich zeigt sich der Ort genau so. Wenn hier kein mittelalterlicher Markt durchgeführt wird, wo soll es denn dann gemacht werden? Wir aber sehen keine in lange Gewänder gekleideten Jungfrauen (um Ernst zu bleiben, wir sehen gar keine so gekleideten Frauen), und auch die Männer tragen alle Jeans oder Cord. Wir sind wohl zur falschen Zeit hier. Allerdings kann man einen kleinen Abstecher zur Veste Heldburg machen, dort findet man Führer in historischen Gewändern.

Bad Colberg-Heldburg stellt einen Wendepunkt in unserer Tour dar. Ab hier geht es wieder streng nach Osten, und als nächstes Zwischenziel für diesen Tag haben wir uns die Veste Coburg ausgewählt. Leider sehen wir auf der Anreise nach Coburg nicht viel davon, da es inzwischen angefangen hat, beständig zu nieseln, die Wolken hängen tief, man muss sich auf die Straße konzentrieren.

Da wir versuchen, die Veste anhand der Hinweisschilder zu erreichen, werden wir großräumig einmal um Coburg herum geführt. Leider bekommen wir dadurch von der angeblich schönen Innenstadt nichts mit. Nachdem wir aber den Parkplatz der Veste endlich erreicht haben, stellen wir unsere Bikes ab und machen uns an den Aufstieg.

An der Außenmauer vorbei führt er hinauf in die verschiedenen Innenhöfe. Natürlich schauen wir uns zuerst einmal an, was man denn alles von oben herab sehen kann, und irgendwie scheint es richtig zu sein, dass man um Coburg herumgeführt wird: Von hier sieht man nur Industrie- und Gewerbeansiedlungen, ein altes Städtchen sucht man vergebens. Dafür kann man den Blick über Wälder, Berge und Landschaften schweifen lassen.

Was wir aber ob des Regens nur ganz kurz machen, uns ruft vielmehr die Burgschänke.

Weiter geht’s. Nach schönen Strecken durch das fränkische Land schlagen wir einen Kreis durch Kronach. Wie gut, dass es hier bisher noch nicht geregnet hat: Die ganze Stadt besteht aus Kopfsteinpflaster, und sie schmiegt sich an einen Hang, so dass die Straßen, wenn sie nass sind, nicht unbedingt für Biker geeignet sind. So aber genießen wir eine schöne Tour durch eine alte, gut erhaltene Stadt.

(c) www.wandermagazin.de

Ab Kronach fahren wir wieder Bundesstraße, um etwas Strecke zu machen. Wir wollen ja schließlich irgendwann auch einmal ankommen. Weissenbrunn, Lösau, Sackenreut, Kulmbach, Gelbe Weiden, und dann auf direktem Weg nach Bayreuth. Eine kurze Pause in der Stadtmitte reicht uns, der grüne Hügel hat heute keine Anziehungskraft.

Weiter geht’s über Goldkronach nach Bischofsbrück ähm Bischofsgrün, wo uns ein granatenmäßiger Gewitterregen einholt. Bisher haben wir es immer geschafft, vor ihm zu bleiben, aber jetzt sind wir mitten drin, wir suchen uns eine Bushaltestelle, um wenigstens den schlimmsten Guss nicht auf dem Bike erleben zu müssen. Nach dem Regen steht unser Entschluss fest: Auf direktem Weg, so schnell wie möglich bis zur Grenze, immer der B303 entlang. Erst in Cheb (dem ehemaligen Eger, ja, dem Ort, aus dem die gleichnamigen Musikanten kommen. Aber kennt die überhaupt noch einer?) machen wir wieder Pause, wobei sich das etwas schwierig gestaltet. Erst landen wir auf einem Vietnamesen-Markt, bei dem selbst der Parkplatzeinweiser Geld will, und von dem es erstmal keine Ausfahrt gibt, und dann finden wir zwar ein Einkaufszentrum (mit ausschließlich deutschen Geschäften: Vögele, Schlecker, Tacco, Kaufhalle, aber das ist inzwischen wohl der Standard in Tschechien), aber kein Restaurant oder Bistro. Also setzen wir uns in das Cafe vom Kaufland, um wenigstens ein bisschen aufzutauen.

Irgendwie besteht Cheb nur aus Stau: Schon die Fahrt in die Stadt bestand aus fünf Kilometern Autoschlange, und auf der Fahrt aus dem Ort heraus ist es nicht anders: Dreispurig geht es auf einen Kreisel zu, der hoffnungslos überlastet ist. Aber durch irgendein Wunder löst sich alles auf, und wir kommen endlich zu der dringend benötigten Tankstelle. Benzin und Getränke sind schnell gebunkert, und bald geht es auf direktem Weg auf der E48 nach Karlovy Vary, unserem Tagesziel. Die Straße ist mit einer unserer Bundesstraßen vergleichbar, und wie es sich gehört, bestehen auch hier auf rund der Hälfte der Strecke Baustellen.

Unser Hotel am heutigen Tag ist das “Prima” in Doubi, einem kleinen Vorort von Karlsbad, rund 3 Kilometer vom Zentrum entfernt.

Abends machen wir uns dann zu Fuß auf nach Karlsbad, um dort zu Abend zu essen.

Nach einem Rundgang durch die Stadt wird uns schnell klar, dass auch hier weniger die tschechische Küche als vielmehr der internationale Touristenstandard zu finden ist. Ein Beispiel gefällig? Weil wir nichts besseres finden, begeben wir uns in ein italienisches Restaurant, das sich wenigstens dadurch abhebt, dass es seine Fische in einer Showtheke vor der Türe stehen hat. Allerdings sind weder Bedienung noch Köche Italiener, und entsprechend ist auch das Essen. Als ich mir einen Weißwein bestellen will und den Kellner frage, was für Weißweine er hat, sagt er sofort: “Ja!” und schreibt einen Wein auf. Dort gibt es nur Weiß- oder Rotwein… der entsprechenden Qualität. Nach einem Schluck steige ich auch auf ein Weißbier-Radler um.

Für den Rückweg wählen wir den bequemeren Weg des ÖPNV, und da die Linie erst in einer Stunde fährt, nutzen wir diese gewonnene Zeit, um in einer urigen Eckkneipe noch ein, zwei Biere zu trinken.  Ich glaube, die haben dort noch nie einen Deutschen gesehen.

Der Bus bringt uns pünktlich zurück zum Hotel, und nach einem weiteren Absacker gehen wir in unsere Zimmer, um zu schlafen. Wenn nur die Straßenlampe nicht wäre, die direkt vor dem vorhanglosen Fenster hängt und mit voller Leistung ins Zimmer scheint…

Trotzdem: Heut’ geht’s mir gut! 😎

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